Dieses Mal nehmen wir einmal ein Buch unter die Lupe, das vom Titel keine typische linux-bildung.at Lektüre ist, aber Antworten verspricht wie wir unsere Kinder in die digitale Zukunft begleiten.

Der Autor Niko Kappe ist Lehrer in Deutschland und leidenschaftlicher TikToker.

Zu Beginn des Buches kritisiert Kappe gleich einmal jenen Personenkreis, der Social Media sowie einer zu starken Digitalisierung im Generellen skeptisch gegenüber steht. Namentlich schießt er sich dabei auf Manfred Spitzer ein, dem er fehlende kausale Zusammenhänge bei seinen referenzierten Studien vorwirft. Gleichzeitig muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass alle Gastkommentare im Buch von TikTokern verfasst wurden womit die Gegenpositionen zu manchen Thesen Spitzers nicht gerade wissenschaftlich untermauert werden.

Kappe stößt sich an dem Smartphone-Verbot, das 2024/25 medial die Runde gegangen ist und im Bildungssystem in vielen Hausordnungen / Verhaltensvereinbarung Einzug gehalten hat. Dabei übersieht der Autor leider, dass es hier nicht um ein Total-Verbot geht, sondern lediglich um eine Neudefinition des Standards an Schulen. Bei Bedarf kann das Smartphone auf Anweisung der Lehrkraft natürlich im Unterricht als pädagogisch-didaktisches Werkzeug eingebaut werden. Die Kritik greift daher etwas ins Leere.

Richtig ist allerdings seine Sichtweise, dass es eine Medienfreie Kindheit nicht mehr gibt, denn die Kinder reflektieren auch die Mediennutzung der Erwachsenen, die selbst oft ein maßloses Nutzungsverhalten an den Tag legen und leider oft kein digitales Vorbild für die nächste Generation darstellen.

Zustimmen kann ich an dieser Stelle einem Zitat von Anika Osthoff aus dem Buch – selbst Lehrerin und TikTokerin:

Kinder sollten erst dann ein eigenes Smartphone bekommen, wenn die Eltern dazu bereit sind, es konstant zu begleiten.

Kappe weist zurecht darauf hin, dass nicht nur Kinder Medienkompetenz benötigen sondern auch die Eltern selbst. Diese sollen ein umfassendens Verständnis über die aktuellen technischen Möglichkeiten und Plattformen aufweisen, um mit ihren Kindern ins Gespräch zu kommen und problematische Inhalte wie etwa TikTok-Challenges thematisieren zu können.

Kappe nennt dabei 4 Dimensionen der Medienkompetenz (für Kinder & Eltern):

  • Bewerten (Medienkritik), z.B. wer kontrolliert welche Plattform? Womit verdient sie Geld? Wie beeinflusst sie mein Denken?
  • Begreifen (Medienkunde), z.B. wie beeinflussen Technik und Gesetzgebung die Medien?
  • Benutzen (Mediennutzung), z.B. welche Medien benutze ich warum und wie beeinflussen sie mich?
  • Bearbeiten (Mediengestaltung), z.B. selbst kreativ eigene Inhalte zu produzieren und zu gestalten

Der Autor analysiert sehr anschaulich die Problemzonen von Social Media ohne dabei großartig Beispiele zu liefern unter welchen Bedingungen der Nutzen von Social Media gegenüber den Risiken überwiegt. Dies ist leider ein gewisser Widerspruch zu den Hoffnungen, welche der Buchtitel geweckt hat.

Aus meiner Sicht – selbst Informatik-Lehrer und Nicht-TikToker – kann man verantwortungsvollen Umgang zu Social Media auch erreichen ohne dass man Social Media unter 14 Jahren nutzt. Diese These ist auch im Einklang zu dem Zitat von Anika Osthoff weiter oben sowie zum Schulfach Digitale Grundbildung, das in Österreich vor einigen Jahren eingeführt wurde, um eben diesen digitalen Werkzeugkasten in einem geschützten Bereich, dem Unterricht, zu entwickeln. Man würde ja auch nicht auf die Idee kommen, einem Kind den verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol zu lernen und ihm gleichzeitig die Schnapsflasche in die Hand zu drücken. Auch hier gilt: zuerst Aufklärung, dann die Erreichen einer Altersgrenze und erst in Folge das hoffentlich verantwortungsvolle Handeln des nun Jugendlichen (die Altersgrenze soll ja auch mit einer gewissen geistigen Reife korrelieren).

Kappe spricht sich auch gegen eine Verbotskultur durch die Eltern aus. Hier gebe ich dem Autor insofern Recht, dass es nicht zielführend ist, die gesellschaftliche Verantwortung auf die Eltern abzuwälzen. Hier hat der Staat selbst eine übergeordnete Verantwortung einzunehmen, die er in den letzten Jahrzehnten des ungehemmten Wachstums der Big-Tech Plattformen völlig versäumt hat. Erst in den letzten 1-2 Jahren ist die Diskussion auf internationaler Ebene entbrannt, wie man die Büchse der Pandora wieder schließen zu vermag – sprich zahnlose Altersbeschränkungen auch wieder durchsetzbar machen kann.

Hier freut es mich umso mehr, dass nun auch meine Vision der europaweiten, verbindlichen Altersverifikation im politischen Diskurs (auch in Österreich) angekommen ist. Australien war dabei Vorreiter ohne dabei noch eine genaue technische Lösung als Standard setzen zu können. Wie eine solche in Europa aussehen könnte, illustriert meine folgende Grafik, die – gut gemacht – natürlich auch Datenschutz-konform umzusetzen wäre.

Das Buch „Generation TikTok“ von Niko Kappe ist durchaus lesenswert. Es liefert interessante Einblicke in das Leben sogenannter Content-Creator und klärt über potentielle Risiken im Umgang mit Social Media auf. Es vermag aber nur sehr wenig – entgegen dem Buch-Titel – Antworten auf die Frage zu geben, wie wir unsere Kinder in die digitale Zukunft begleiten.


0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert