Als Kolonialismus wird die Unterwerfung und Ausbeutung der dort ansässigen Bevölkerung durch eine auswärtige Macht bezeichnet.

Seit den ersten Amerikareisen von Christoph Kolumbus bildeten europäische Staaten Kolonien in der neuen Welt welche sich später in Afrika und Asien fortsetzten. Dieser territoriale Kolonialismus dauerte bis in die Mitte des 20. Jhdt. an und wird gerade durch einen digitalen (oft weniger sichtbaren) Kolonialismus prolongiert.

Die erfolgreichen Befreiungskämpfe, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts den gesamten afrikanischen Kontinent erfassen, ändern wenig an der systematischen Plünderung der Bodenschätze durch die Europäer. Bis heute stehen Erdöl, Erdgas, Steinkohle, Uran, Diamanten, Phosphate und metallische Rohstoffe im Visier ausländischer multinationaler Konzerne. Die Rohstoffausbeutung bildet bis heute die Grundlage für eine Steigerung der Produktivität und die Herstellung von Konsumgütern in den Ländern der ehemaligen Kolonialmächte und auf dem Gebiet der neuen Großmächte wie China und Nordamerika. Die Gewinnströme allerdings folgen einer Einbahnstraße.

Die Kolonialisierung hat somit nie wirklich geendet. Sie ging lediglich in eine Phase des Postkolonialismus über.

Im Wettlauf um den exklusiven Zugang zu Kobaltvorkommen in der Demokratischen Republik Kongo und den Lithiumvorräten in Südamerika kämpfen Unternehmen und ihre staatlichen Unterstützer in Beijing, Brüssel und Washington mit immer härteren Bandagen.

Kolonialismus ist immer geprägt von fehlender Wertschöpfung vor Ort. Rohstoffe werden billig exportiert und Industriegüter später teuer importiert. Aber auch Millionen Tonnen Elektroschrott landen auf riesigen Müllhalden wie der Agbogbloshie am Rande von Ghanas Hauptstadt Accra.

Arbeiter:innen versuchen hier, ohne Schutzausrüstung wiederverwertbare Rohstoffe wie Aluminium und Kupfer aus dem Müll der Industriestaaten zu gewinnen, was oft über offenem Feuer und unter Entwicklung hochgiftiger Gase passiert. […] Knapp 13 Millionen Frauen und 18 Millionen Kinder arbeiteten nach Zahlen der WHO im Jahr 2021 auf Elektroschrottmüllhalden im Globalen Süden. Arbeiter:innen, die Gold und Kupfer aus alten Geräten recyclen wollen, seien bis zu 1000 giftigen Substanzen ausgesetzt.

Greenpeace prägte hierfür bereits in den 1990er Jahren den Ausdruck „Toxic Colonialism“.

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Europa ist als Kontinent Rohstoff-arm und hochgradig abhängig vom Import metallischer Erze. Entgegen den Frühzeiten des Kolonialismus muss sich Europa aber mittlerweile die Rolle des Ausbeuters mit anderen Großmächten wie USA und China teilen bzw. gerät hier sogar immer mehr ins Hintertreff (Stichwort Chinas neue Seidenstraße | Afrikas Abkehr von Europa = Hinwendung zu China).

Während die überwältigende Mehrheit aller Rechenzentren im Globalen Norden errichtet wurden, werden die Länder des Globalen Südens primär mit Datenleitungen beglückt. Diese Beihilfe zur Modernisierung birgt jedoch neben einer Finanzierung auf Schulden einen nicht unbeachtlichen Hintergedanken, der als Daten Extraktivismus bezeichnet werden kann.

Insbesondere für Länder im Globalen Süden sind die Infrastrukturprojekte von Big Tech eine ambivalente Sache. Die Konzerne versprechen durch den Anschluss an die Kabel schnellere Übertragungsgeschwindigkeiten [Anmerkung: korrekt müsste von Übertragungsraten die Rede sein] und wirtschaftlichen Aufschwung, der durch einen schnelleren Zugang zu Dienstleistungen und Waren entsteht. Und tatsächlich werden die Daten […] durch die neuesten Unterseekabel besonders schnell transportiert. Der große Nachteil jedoch ist, dass dies für die meisten Länder bedeutet, dass ihre Daten aus dem eigenen Land abfließen – aus dem Globalen Süden in die Rechenzentren und Konzernzentralen im Globalen Norden, und mit ihnen mögliche Wertschöpfung und Profite.

Dass Chinas Praktiken keine Spur besser sind als die kolonialen Züge Europas zeigt deren Datenabschöpfungs Politik.

[…] seitdem die chinesische Regierung 2021 das neue Gesetz zum Schutz persönlicher Daten (PIPL) verabschiedet hat: Damit dürfen „wichtige Daten“ chinesischer Kund:innen, die sich für die Analyse- und Werbezwecke nutzen lassen, nur noch in China gespeichert und verarbeitet werden. Eine Kooperation mit Alibaba [Anmerkung: Chinas größter Cloud-Anbieter] bedeutet also faktisch, dass Daten nach China abfließen.

Obwohl China oft dem Globalen Süden (BRICS+) zugerechnet wird, zeigen sich hier Praktiken des Globalen Nordens, die durch die autokratische Staatsform sogar noch schlimmere Auswüchse einnimmt.

Für Afrika bedeutet die digitale Abhängigkeit daher eine Gefahr, zum Spielball des machtpolitischen Wettbewerbs zwischen Washington und Beijing zu werden. Europa spielt hier als abstrebende Wirtschaftsmacht mit gering ausgeprägter Digitalindustrie kaum mehr eine Rolle.

Damit die Länder des Globalen Südens ihre nationale digitale Wirtschaft stärken und sich aus der Abhängigkeit der Tech-Konzerne befreien können, braucht es weltweit geltende Standards, offene Protokolle und öffentliche Infrastrukturen. Mit anderen Worten: die Schaffung echter Interoperabilität im globalen Maßstab. Die digitalen Großmächte befördern mit ihrer Rivalität hingegen genau das Gegenteil von dem, was einen gesellschaftlichen Fortschritt bedeuten würde.

Auch Europa wäre gut beraten, ein digitales Gegengewicht zu den USA und China aufzubauen, welches auf offenen Standards beruht und auf Freier Open Source Software aufbaut. Gemeinsam Werte schaffen!

Auch Europa wirkt zwischen den beiden Riesen USA und China stets verloren. Browser und Suchmaschinenen? Die Dominanz von Google ist erdrückend. Smartphones und App-Stores? Nahezu die einzige Alternativ zu Google ist Apple. Die Verwaltung? Nicht denkbar ohne Office-Produkte aus dem Haus Microsoft. Soziale Medien? Aktuell bleibt vielen nur die Wahl zwischen Instagramm und TikTok. Online-Shopping? Bis heute dominiert von Amazon. Künstliche Intelligenz? Europa sieht zu und staunt. Angesichts dieser Abhängigkeit von US-Tech-Konzernen werden immer wieder Vergleiche mit dem Kolonialismus gezogen, nur dass Europa hier nicht die Rolle der Kolonialmacht, sondern die der Kolonie zugesprochen bekommt.

Wie eine Zukunft ohne Big-Tech aussehen könnte, offenbart Renata Avila Pinto (internationale Anwältin für Menschenrechte und Technologie) im Nachwort.

Kategorien: AllgemeinBuchkritik

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