Das Buch FUCK SOCIAL MEDIA von Doris Rittberger richtet sich in erster Linie an Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und junge Erwachsene. Jene Generationen, die nach gar nicht so sozialen Diensten süchtig geworden sind ohne es zu bemerken. Jene Generationen, die nun ein Vorbild für alle Jugendliche & Kinder sein sollten, es besser zu machen. Besser im Sinne des ursprünglichen Gedankens des Mitmach-Web und nicht als Gefangene eines Konzern-gesteuerten asozialen Webs.

https://www.rittbergerknapp.com/store/p68/fuck-social-media-digitale-freiheit.html

Gleich zu Beginn des Buches spricht die Autorin das Suchtpotential von – ich nenne es im Beitrag bewusst Anti-Social-Media – an. Wer kennt es nicht, das Gefühl in der Früh nach dem Aufstehen, gleich einen Blick auf das Smartphone werfen zu müssen (bzw. abends vor dem Schlafengehen):

Wir sind zu Online-Sklaven geworden, die es keine drei Tage ohne Wischen und Scrollen aushalten.

Erst seit kurzem werden in der Öffentlichkeit und im politischen Diskurs die negativen Auswirkungen von Anti-Social-Media thematisiert: Suchtmechanismen, erhöhte Stressbelastung, depressive Verstimmungen und Konzentrationsschwäche, Cybermobbing & Hass im Netz

https://orf.at/stories/3436868 (Social Media Verbot in Frankreich) oder https://orf.at/stories/3427651/ (Zara)

Anti-Social-Media vermittelt ein Gefühl der Zugehörigkeit – es ist ja auch sehr einfach, wenn man nirgends hingehen oder hinfahren muss. Dabei bietet dieses beworbene „Social Media“ eben keine echten Begegnungen, keine gegenseitige Verantwortung und keine Verbindlichkeit welche über die kurze Sichtbarkeit in Form von ein paar Likes und Postings hinausgeht.

Wenn man vom „Sozialen“ spricht, meint man Beziehungen zwischen Menschen, zwischen denen Emotionalität stattfindet – wo man einander wahrnimmt, aufeinander reagiert und für einander eine gewisse Verantwortung übernimmt. Sozial sein heißt für mich, in einem echten Miteinander zu stehen, in dem Begegung spürbar ist und dass ich für den anderen Bedeutung habe und er für mich. Und zwar über den Displayrand hinaus.

Unter diesen Gesichtspunkten ist es auch nicht verwunderlich, dass als Jugendwort 2015 der Ausdruck „Smombie“ als Kombination von Smartphone und Zombie gekürt wurde.

Das tückische am übermäßigen Anti-Social-Media Konsum ist das „Schleichende Gift“ wie es die Autorin beschreibt:

Denn diese „problematischen Folgen“ zeigen sich ja nicht offensichtlich und eindeutig und auch nicht sofort.

Leicht erliegen Anti-Social-Media User dem Trugschluss, dass man durch stundenlanges Scrollen und Wischen ein enormes Maß an Informationen aufsaugt. Letztendlich ertränkt die Flut an Informationen aber paradoxerweise jede tiefere Erkenntnis!

Folgendes Bild (KI-generiert) zeigt das so genannte Phubbing (phone und snubbing) – also jemanden brüskieren oder zurückweisen. Jeder kennt sicher solche Situationen in x-facher Ausführung, doch nur die wenigsten sind sich dessen bewusst, dass Phubbing mit fehlendem Respekt und Desinteresse dem Gegenüber einhergeht.

Es ist egal, ob wir da sind oder nicht. Es ist egal, ob wir schreiben oder schweigen und stumm wie Glühwürmchen im Chatfenster umherschwirren, mal aufleuchten und wieder verglimmen – der Live-Chat ist nur eine andere Dimension von Wirklichkeit. Eine Art Scheinwelt, in die wir jederzeit und von überall eintauchen können, um uns aus der echten, realen Welt wegzubeamen, während wir echte Erlebnisse nicht erleben, echte Freunde nicht treffen und echt jetzt – ziemlich am Leben vorbeileben.

Im zweiten Teil des Buches bietet die Autorin zahlreiche Tipps zur Reduktion der Anti-Social-Media Nutzung aus denen ich folgenden herausgegegriffen habe, der besonders für Schulen gut umsetzbar ist:

Die Menge an Likes und Followern ist kein verlässlicher Maßstab für den Selbstwert. Schon gar nicht für eure Schützlinge. Schafft Möglichkeiten wie Theatergruppen, Filmprojekte, Musik-Kollektive, Schulbands, Clubs (z.B. den Club der lebenden Dichter), Poetry Slams, bei denen die Kinder und Jugendlichen im Real Life gesehen werden und für ihren Einsatz Applaus bekommen.

Anti-Social-Media Algorithmen sind so konzipiert, dass wir möglichst viel Zeit auf den jeweiligen Plattformen verbringen. Dabei lassen sie uns glauben, dass das Leben der anderen ein besseres als unseres eigenes wäre. Letztendlich ist der permanente Vergleich aber nur der Feind der Freude!

Zeig mir deine Timeline, und ich sage dir, wer du bist – oder wer du gerne sein würdest.

Beim Scrollen ist es ähnlich. Man glaubt, gleich müsste es kommen: der entscheidende Gedanke, die große Idee, der eine Beitrag, der das ganze Leben verändert. Noch ein Wisch, noch ein Profil, noch ein Versprechen. Doch der Horizont rückt immer weiter weg – er kommt nicht näher, wie erhofft. Das Problem liegt in der Vorstellung, dass hinter dem nächsten Wisch endlich etwas Besseres wartet. Uns solange man daran glaubt, ist man gefangen.

Anti-Social-Media Zeit = verlorene Lebenszeit. Wie man wieder wertvolle Lebenszeit zurückgewinnt, kann im zweiten Teil dieses Buches erkundet werden! Zwischenzeitliches Scheitern ist natürlich möglich – dann heißt es dran bleiben und es mit dem einen oder anderen Tipp probieren!


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