Barbara Prainsack hat an der UNIVIE eine Professur für Vergleichende Politikfeldanalyse inne und ist Vorsitzende des European Group on Ethics in Science and New Technologies (EGE).

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In Ihrem Buch Datenschlussverkauf beschreibt Barbara Prainsack wie Daten fair, sicher und zum Wohle aller eingesetzt werden können.

Technologiekonzerne begreifen Daten wie Öl als natürliche Ressource, die es zu veredeln gilt. Dabei sind Daten jedoch stets Ergebnis menschlicher und politischer Entscheidungen wodurch ein bestimmtes Anrecht privater Konzerne eben nicht abgeleitet werden kann.

Die Frage, wer über Daten entscheidet, ist daher kein rein rechtlicher oder technischer Debattenanlass, sondern eine Frage digitaler Souveränität.

Derzeit wird europäisches Datenmaterial zu einem Großteil für das Training US-amerikanischer KI genutzt. Während die Gesellschaften, aus denen die Daten stammen, finanziell leer ausgehen, werden die auf den Daten generierten Profite alleine in den USA ausgeschüttet.

Die Autorin setzt hier mit einem Konzept an, das sie Datensolidarität nennt.

Es weitet den Blick über die inidividuelle Frage der Zustimmung zu der Perspektive, wie eine Gesellschaft gemeinsam entscheiden kann, wie Daten verwendet werden, wer davon profitieren soll, wem die technischen Grundlagen und Infrastrukturen gehören und wie die Kosten gerechter verteilt werden können. Denn wer über die technischen Grundlagen und die Nutzung digitaler Daten entscheidet, organisiert Gesellschaft. Datensolidarität bedeutet, diese Entscheidungen nicht jenen zu überlassen, die über die größten Rechenzentren oder die ausgereiftesten Geschäftsmodelle verüfgen, und stattdessen Institutionen zu stärken oder neu zu schaffen, die Daten als gesellschaftliche Infrastruktur begreifen und sie im Interesse vieler verwalten – etwa durch gemeinwohlorientierte Datentreuhänder, transparente Register oder demokratisch kontrollierte Datenplattformen.

Weiters:

Es ist an der Zeit, Daten nicht länger als Nebenprodukt des Alltags zu betrachten und stattdessen als das, was sie längst sind, die politische Infrastruktur der Gegenwart. Wer das versteht, wird nicht nur anders über Digitalisierung sprechen, sondern auch über Demokratie.

Die Autorin unterscheidet grundsätzlich zwischen Verdatung und Digitalisierung. Als Verdatung wird die Aufzeichnung von Verhalten oder anderen Aspekten des Lebens durch Daten verstanden – als Digitalisierung der Transfer von analogen zu digitalen Technologien.

Als digitalen Zwilling beschreibt die Autorin die unzähligen Datenpunkte eines Menschen (Social Media Beiträge, Gesundheits- und Bewegungsdaten, Online-Suchverläufe, …), die zu einem Datenabbild verdichtet werden, welche bestimmte Eigenschaften oder Verhaltensweisen einer Person modelliert.

Im 21. Jahrhundert besitzen Menschen also neben einem physischen Körper einen Datenkörper, der digital gespeicherte Zuschreibungen umfasst: Interessen, Vorlieben, die finanzielle Situation, soziale Netzwerke sowie Gesundheitsrisiken.

Im Gegensatz zum physischen Körper genießt der digitale Datenkörper weit weniger rechtlichen Schutz was unter anderem in der Speicherung auf unterschiedlichen örtlich verteilten Infrastrukturen begründet ist.

Der Datenkörper ist global: Er erstreckt sich auf Server verschiedener Unternehmen und Behörden, in diversen Ländern und Rechtsräumen.

Leider sind Daten für die meisten Menschen unsichtbar bzw. schwer zu greifen. Somit ist wohl auch eine gewisse Gleichgültigkeit im Umgang mit diesen zu erklären. Dabei hat die Nutzung und Analyse der Datenkörper (der digitalen Zwillinge) von Menschen einen großen wirtschaftlichen Wert. Jedoch sind die Profiteure meist nicht die Menschen, von denen die Daten statten!

Die oder der Einzelne trägt das Risiko der Datenweitergabe, während der wirtschaftliche Gewinn anderswo entsteht – etwa bei den Unternehmen, die auf Basis der Analyse aggregierter Daten ihr Geschäftsmodell anpassen, ihr Marketing verbessern oder die Produkte weiterentwickeln. Eine gerechte digitale Gesellschaft muss dringend neue Wege finden, Daten als kollektives Gut zu behandeln, statt deren Nutzen in wenigen Händen zu konzentrieren.

Während die Schutzstrukturen für den physischen Leib von Menschen Ausdruck eines historisch gewachsenen Konsenses in demokratischen Gesellschaften sind (Vermeidung körperlichen Schadens sowie Selbstbestimmung), zirkulieren Daten zum digitalen Zwilling weitgehend unkontrolliert durch digitale Infrastrukturen.

Sie werden extrahiert, kombiniert, verkauft und interpretiert – oft ohne das Wissen, geschweige denn die Zustimmung der betroffenen Personen.

Den staatlichen Kontrollverlust beklagt die Autorin wie folgt:

Regierungen in aller Welt lagern zunehmend kritische Funktionen an private Technologieunternehmen aus. Dies schafft tiefgreifende Abhängigkeiten und untergräbt ebenso die öffentliche Expertise wie die demokratische Kontrolle über Schlüsseltechnologien. Diese Entwicklung betrifft zentrale Bereiche staatlicher Souveränität, von der Speicherung und Vearbeitung sensibler Daten über Wahlysteme und Strafverfolgung bis hin zu Cybersicherheit, Gesundheitsversorgung und nationaler Verteidigung. Viele Regierungen verlassen sich beispielsweise auf Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure und Google Cloud, um hochsensible Daten zu speichern und öffentliche Dienstleistungen abzuwickeln. Dies bedeutet, dass staatliche Verwaltung von privaten Plattformen und damit von den Betriebsbedingungen und Geschäftsinteressen dieser Unternehmen abhängig ist. […] Aufgrund ihrer Strukturen zielen diese Firmen auf die Maximierung finanzieller Profite ab, nicht primär auf die Stärkung demokratischer Prinzipien.

Dieses permanente Auslagern von IT-Kompetenz führt zudem zu einem Mangel an Fachwissen zu Schlüsselbereichen wie Künstliche Intelligenz, Cybersicherheit und Cloud-Computing im öffentlichen Sektor und vor allem in Europa. Zudem konzentriert sich die Abhängigkeit vor allem im Software Bereich auf wenige globale Big-Player.

Zudem verlagert sich die Kontrolle zunehmend von Hard- zu Software. Während Regierungen früher physische Infrastruktur wie Straßen oder Satelliten an Dritte outsourcten, erhalten heute private Unternehmen die Hoheit über Daten, Algorithmen und KI-Modelle. Staatliche Behörden und Kontrollorgane – wie Rechnungshöfe, Parlamente oder Datenschutzbehörden – haben oft keinen Zugriff auf den vollständigen Quellcode oder die internen Abläufe der von ihnen genutzten Systeme. Besonders problematisch ist, dass zentrale digitale Infrastrukturen mittlerweile von einer Handvoll dominanter Technologieunternehmen kontrolliert werden. Während Regierungen früher Wettbewerb förderten und mehrere industrielle Partner für ihre kritischen Infrastrukturen hatten, dominieren heute Konzerne wie Google, Microsoft, Amazon, Palantir und Meta weltweit essentielle digitale Dienste.

Wir haben eingangs bereits von der Metapher von Daten und Öl geschrieben. Die Autorin kritisiert, dass hierbei die Ansicht legimitiert wird, dass Daten dem- oder derjenigen gehören, die sie sammelt und nutzt.

Dadurch werden Daten als eine Art Eigentum der datenverarbeitenden Unternehmen begriffen, anstatt sie als gemeinsames Eigentum der Menschen zu sehen, von denen die Daten stammen und deren Leben sie abbilden. Wenn Unternehmen – ebenso wie die Öffentlichkeit – davon ausgehen, dass Daten den gehören, die sie konsumierbar machen, wird damit der Beitrag der Person, die die Daten geschaffen hat und deren Leben, Körper oder Verhalten sie abbilden sollen, unsichtbar gemacht. Dasselbe gilt für die öffentlichen Leistungen und Infrastrukturen, die die wirtschaftliche Wertschöpfung aus Daten unterstützen: Elektrizitätsnetzwerke für die Datenverarbeitung und digitale Infrastrukturen, öffentliche Schul- und Universtitätsausbildung für jene, die die Daten analysieren und interpretieren; und staatlich finanzierte Forschungseinrichtungen, deren Erkenntnisse in Innovationen einfließen.

In der Europäischen Union entschied man sich gegen die Schaffung eines Eigentumrechts an Daten, um Innovation und Wettbewerb nicht zu hemmen. Stattdessen erlässt die EU neben dem Datenschutzrecht spezifische Regeln für Datenzugang und -nutzung, z.B. den Data Governance Act (2022) oder den Data Act (2025). Die Monopolstellungen US-amerikanischer Big-Tech Konzerne konnte die EU trotz zahlreicher Regulierungsversuche und Strafen bis jetzt nicht auflösen.

Die Autorin führt aus, dass die Idee, Menschen für die Daten zu bezahlen nur auf den ersten Blick ein attraktives Mittel zu sein scheint, um Gerechtigkeit und individuelle Autonomie zu stärken.

Bei genauerem Hinsehen wird jedoch klar, dass dieses Modell grundlegende soziale Ungleicheiten eher verschärfen als beheben würde. Es würde eine Gesellschaft schaffen, in der arme Menschen für Dienstleistungen und andere Dinge mit ihren Daten bezahlen, während Reiche dies mit Geld tun.

Dem Ruf nach individueller Monetarisierung persönlicher Daten hält die Autorin entgegen, dass diese Daten niemals allein durch individuelle Anstrengungen oder Handlungen entstehen, sondern vielmehr aus kollektiven Kontexten und sozialen Beziehungen – innerhalb gesellschaftlicher Infrastrukturen wie öffentlichen Bildungssystemen, Verkehrsnetzen oder Kommunikationsplattformen.

Diese gemeinschaftlichen Bedingungen der Datenproduktion verschwinden aus dem Blick, sobald Daten auf individuelle Eigentumsansprüche reduziert werden. Dadurch wird die solidarische Dimension der Datenökonomie untergraben.

Als Lösung sieht die Autorin einen Umgang mit Daten, der diese nicht als privatwirtschaftliches Eigentum versteht, sondern als Gemeingüter, als Commons. Eine Monetarisierung müsste somit der Gesellschaft als Ganzes (z.B. Bund, Länder, Gemeinden) zu gute kommen (dort wo die Wertschöpfung ihren Ursprung hat).

Die Entwicklung von Daten-Commons könnte nicht nur Machtasymmetrien zwischen großen Unternehmen und einzelnen Bürger:innen verringern, sondern es auch ermöglichen, Daten stärker für das Gemeinwohl einzusetzen. Wenn diese nicht mehr in erster Linie kommerziell, sondern gesellschaftlich gedacht werden, könnten sie für Forschung, Gesundheitswesen, Bildung und andere öffentliche Zwecke nutzbar gemacht werden, ohne dabei den Profitinteressen einzelner Unternehmen unterworfen zu sein.

Die Autorin geht zudem ein, dass selbst eine unter ethischen Gesichtspunkten entwickelte Technologie Regulierung zwingend benötigt. Regulierung hemmt keine Innovation, sondern ermöglicht sie vielmehr.

Denn ohne Regulierung gäbe es kein verlässliches Umfeld, in dem gesellschaftlich erwünschte Innovation gedeihen kann – etwa weil Sicherheitsstandards fehlen oder weil die Rechte und Pflichten unterschiedlicher Akteure unklar sind und damit Planung schwierig ist.

Die Autorin regt eine Unterscheidung der Begriffe zwischen öffentlichem Interesse und öffentlichem Wert an und gibt zu Bedenken, dass bisher bei Regulierungen stets das öffentliche Interesse im Zentrum stand. Der Begriff des öffentlichen Wertes ermöglicht jedoch eine differenziertere, kontextsensitivere Bewertung.

Eine Datennutzung schafft dann öffentlichen Wert, wenn sie vielen Menschen (und nicht nur Unternehmen) zugutekommt, soziales Wohlbefinden stärkt oder zukünftige Generation schützt – und dabei keine wesentlichen Risiken für Individuen oder Gemeinschaften mit sich bringt.

Zur Messung von öffentlichem Wert wurde an der Universität Wien das Online-Tool PLUTO (Public vaLUe Assesment TOol) entwickelt.

Das Konzept der Datensolidarität soll Datennutzung demokratischer, transparenter und gerechter gestalten. Es basiert auf 3 Säulen und bietet einen praktisch anwendbaren Rahmen.

Die Autorin plädiert dafür, dass sich Datensolidarität nicht allein nach wirtschaftlicher Verwertbarkeit orientiert sondern eine kollektive Verantwortung erfüllt in der demokratische Kontrolle, soziale Gerechtigkeit und globale Fairness gewährleistet werden. Durch globale Regeln und Strukturen, die einen gerechteren Umgang mit Daten über Grenzen hinweg ermöglichen – lassen sich auch negative Auswirkungen des digitalen Kolonialismus eindämmen.

Der Vorschlag, Datensolidarität zu schaffen, ist der Versuch, auf diese Herausforderungen eine Antwort zu geben. Nicht alles, was sich berechnen lässt, ist gerecht. Und nicht alles, was gerecht wäre, lässt sich berechnen. Aber man kann Wege finden, beides in Einklang zu bringen – durch neue Institutionen, klare Regeln und eine gerechtere Verteilung von Risiken und Nutzen, die durch digitale Datenanwendungen erwachsen.

Die Autorin weist einmal mehr darauf hin, dass die finanziellen Gewinne der Unternehmen nur zu einem sehr geringen Teil – wenn überhaupt – zu den Menschen zurückfließen, die diese Gewinne möglich gemacht haben.

Die Infrastruktur, die das Sammeln und Auswerten der Daten unterstützt, wurde häufig mit öffentlichen Mitteln geschaffen, während die Erträg aus der Datenverwertung größtenteils in privaten Händen verbleiben. Dies verstärkt bestehende Ungleichheiten: Während große Plattformunternehmen enorme Profite erwirtschaften, zahlen sie oft nur wenig oder gar keine Steuern. Effektive Mechanismen, um einen gerechten Anteil ihrer Gewinne wieder in öffentliche Güter wie Gesundheit, Bildung oder soziale Sicherheit zu investieren, fehlen. Auf diese Weise wird ein kollektives Gut in privat akkumuliertes Kapital umgewandelt, ohne dass der gesellschaftliche Beitrag entsprechend anerkannt oder kompensiert wird.

Als gesellschaftlichen Beitrag können öffentliche Infrastrukturen aufgefasst werden, die von der Allgemeinheit finanziert, entwickelt und gebaut wurden (Internetverbindungen, Mobilfunk, Verkehrsnetze, Universitäten, …).

Eine Digitalsteuer wäre eine Möglichkeit, für ein faires Teilen kommerzieller Profite aus der Datennutzung zu sorgen.

In diesem Ansatz müssten Unternehmen, die mit digitalen Dienstleistungen und Daten aus einem bestimmten Land Profite erwirtschaften, ohne dort physisch präsent zu sein, in diesem Land auch Datensteuern bezahlen. Internationale Organisationen wie die OECD haben hierzu ein Zwei-Säulen-Modell entwickelt: Säule 1 zielt darauf ab, großen multinationalen Digitalkonzernen eine partielle Steuerpflicht in jenen Ländern aufzuerlegen, in denen ihre Nutzer:innen ansässig sind – selbst wenn dort keine Betriebsstätte existiert. Säule 2 setzt eine globale Mindestbesteuerung für Unternehmen fest, um Gewinnverschiebung in Niedrigsteuerländer zu verhindern.

Steuern, Datenfonds oder Dividendenmodelle sind erste Schritte in Richtung einer digitalen Gemeinwohlökonomie in der Gewinne gerecht verteilt werden.

Mit Verweis auf erfolgreiche Wandel in der industriellen Landwirtschaft (BIO, Regionalität) oder in der Energiepolitik (erneuerbare Energieträger) äußert die Autorin auch einen vorsichtigen Optimismus, dass auch in der Datenpolitik ein Wandel entstehen kann. Dabei gilt es die Risiken und Ungerechtigkeiten der bestehenden Ordnung in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen!



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