Offener Brief an Bildungsminister Faßmann

Veröffentlicht von Thomas Krupa am

Für eine Berücksichtigung freier Software bei der Auswahl von Betriebssystem, Anwendersoftware, Cloud-Lösung und Lernmangement-System + Aufbau einer FOSS-Strategie als unabhängige Säule zu Microsoft/Google/Apple

Petition

Sehr geehrter Herr BM Dr. Heinz Faßmann,

mit großer Freude vernehmen wir, dass in die IT – Ausstattung der Schule investiert werden soll!

Wir möchten jedoch zu Punkt 8 „Wir werden auch zentrale Lizenzverträge abschließen, um allen Lehrenden Zugang zu einer Standardsoftware zu ermöglichen.“ einige Anmerkungen festhalten.

Standardsoftware wird im Bildungsbereich fast immer als Synonym für Microsoft Software verwendet, deren Formate deshalb Standard sind, weil Microsoft auch mit kräftiger Mithilfe von Bildungseinrichtungen hier ein Quasi-Monopol mit weitreichenden Folgen (Abhängigkeit, Datenweitergabe, Lizenzkosten, Schadsoftware, …) besitzt.

Ziel einer guten digitalen Grundbildung sollte es jedoch sein, Jugendlichen zu ermöglichen sich von Abhängigkeiten und Monopolen zu befreien und sie von leichtfertig konsumierenden zu verantwortungsvollen produzierenden Teilnehmern unserer Gesellschaft zu erziehen.

Daher hat die Schule die Aufgabe Schüler_innen mit Hilfe von Konzepten im Bereich der Informatik auszubilden und zu bilden. Einseitige Abhängigkeiten von Softwareprodukten, an deren Mitgestaltung eine ganze Gesellschaft, aufgrund von Lizenzbeschränkungen, ausgeschlossen ist, widersprechen dem Wesen einer aufgeklärten und unabhängigen Bildung. So führt die Einsicht in den Quellcode wie z.B. bei der Corona App zu mehr Vertrauen, ermöglicht erst eine notwendige Kontrolle und schafft darüber hinaus die Basis für eine gemeinsame Software Entwicklung mit Wertschöpfung für lokale Dienstleister in Österreich bzw. Europa.

Die Office-Software „LibreOffice“ z.B. setzt offene Dokumentenstandards schon seit vielen Jahren perfekt um und ist für alle Betriebssysteme (Windows, Mac und Linux) frei erhältlich. Lizenzverträge zum Erhalt dieser Software für Schüler_innen, Lehrer_innen und Eltern sind hinfällig, da diese Standardsoftware vollständig unter einer freien Lizenz veröffentlicht wird.

Aus den oben genannten Gründen ist es unumgänglich, dass Standards immer als freie, offene Standards umgesetzt werden und bei der Auswahl von Software Wahlfreiheit gewährleistet bleibt. Viele Schüler_innen setzen ihre Laufbahn überdies an Universitäten fort, an denen seit jeher Freie Open Source Software einen hohen Stellenwert hat.

Durch zahlreiche Leuchtturmprojekte (Schulen, die schon jetzt primär mit Freier Open Source Software arbeiten) sind wir in der Lage, eine Vorreiterrolle in Europa zu übernehmen, eine interoperable, sichere, freie und europäische Lösung als Alternative aufzuzeigen, den Einsatz offener Standards und somit Nachhaltigkeit zu fördern und ganz nebenbei Kosten einzusparen.

Die Corona-Krise hat uns vor Augen geführt, welche Probleme mit außereuropäischen Diensten und Lieferketten verbunden sind – wohl auch ein Mitgrund, warum immer mehr Behörden in Europa ihre Verwaltung unabhängig(er) von US-Software-Monopolisten gestalten.

Die einseitige Vorgabe von Software durch bestimmte Lizenzgebarungen von Seite des Bundes wirkt aber durch Festschreiben eines Quasistandards auch auf Länder und Gemeinden, deren Spielraum durch diese Entscheidung eingeengt wird, und die im Endeffekt die Lizenzkosten des Quasistandards mittragen müssen.

Zusammenfassend besteht unsere konkrete Forderung, die wir auch medial verbreiten werden, darin, dass Sie eine Lösung anbieten, die den Einsatz Freier Open Source Software an Schulen fördert und die mittelfristig als unabhängige Säule neben Microsoft/Google/Apple etabliert wird!

Gerne stehen wir für einen weiteren Diskurs zur Verfügung und würden uns zugleich in die Erarbeitung einer österreichweiten Strategie mit unseren zahlreichen Erfahrungen an unseren eigenen Schulen einbringen.

Mit freundlichen Grüßen,
i.V. Open Source Open Schools (OSOS) Österreich

Kategorien: Allgemein

7 Kommentare

Josef Weisskopf · 25.06.2020 um 07:58

Ich frage mich schon lange, wie es vereinbar ist, wenn öffentliche Einrichtungen Steuergelder verschwenden, obwohl es alternative, in jedem Fall ausreichende, in vielen Fällen durchaus bessere Lösungen gibt.
Warum werden diese Lizenzkosten nicht dazu verwendet europaweit quelloffene Standard-Software einzusetzen und weiter zu entwickeln?
Wie können politische Institutionen, Justiz, Armee, Polizei u.a. auf Software setzen, die sie nicht kontrollieren (Closed Source) können?

Josef Gary Fuchsbauer · 27.06.2020 um 03:21

Ich unterstütze diese Petition, weil die IT-Fachleute dafür eintreten und ich mich auf deren Expert*innenmeinung verlasse.

Paul Sandholzer · 28.06.2020 um 17:37

Genau. Und die Kinder werden abhängig gemacht, weil sie durch das nicht Kennenlernen von Open-Source-Möglichkeiten gezwungen werden, bei MS zu bleiben und hohe Kosten zu haben.
Das Geld für die Lizenzen ist woanders sinnvoller einsetzbar…

Markus Angermann · 29.06.2020 um 18:42

In all meinen Trainings und Workshops, egal ob an der Uni oder bei Schulungsanbietern, empfehle ich immer zuerst Open Source Software privat als auch geschäftlich zu nutzen. Ich kann hiermit nur alle Lehrer jeglicher Schulstufen dazu auffordern selbiges zu tun und Open Source mit in den täglichen Unterricht aufzunehmen!

Wolfgang Leithner · 01.09.2020 um 16:25

OpenSource ist sicherlich nicht fehlerfrei, keine Software kann das sein. Aber mit der Abhängigkeit von einzelnen Herstellern, Stichwort Vendor LockIn, und Bindung an deren Pseudo-Standards wird die Bildung und das Bildungssystem nicht nur intransparent und in sich inkompatibel sondern verbraucht Geld, das mit der Anschaffung von Ausstattungen und der Schulung von Lehrpersonal besser angelegt wäre.
Wir versuchen dies in kleinen Projekten seit vielen Jahren, der Stehsatz „das ist aber nicht das, was alle verwenden“ muß als Totschlagargument an Kraft verlieren.

Peter Bubestinger · 12.11.2020 um 11:37

Ich arbeite seit über 25 Jahren im Informatikbereich, sowohl als Selbsständiger als auch Lehrender (Hochschulen, Firmen-Workshops, etc).

Was sagt uns das, wenn uns im *Informatikstudium* die Professorin sagt, sie könne uns nicht beibringen wie das de-facto-standard Tool/Protokoll X funktioniert, weil es proprietär und somit eine geheime Black-Box ist?

Ich fragte mal einen Microsoftvertreter (=Vortragender) auf den Edu-Days in Krems:
„Wie kann ich ihren de-facto-Standard so unterrichten, dass interessierte Schülerinnen lernen können wie man diese Systeme bauen, verändern und verbessern können – und nicht nur verwenden?“

Was soll ich mir denken, seine Antwort war:
„Ja, da dafür gibt’s OpenSource. Unsere Programme sind dafür nicht gedacht.“

Mein *neben* Informatikunterricht und Informatikstudium selbst-erlerntes FOSS-und-Linux-Wissen ist
jetzt übrigens das was die Wirtschaft aktuell von mir haben will: weil Server, Internet, Embedded, Smartphones, Tablets, Fernseher, Alles – sogar Apple – unter der Haube mit unixoiden Systemen und OpenSource läuft…

Michael P. · 27.11.2020 um 13:54

Ich habe seit knapp 22 Jahren mit OpenSource zu tun.
Zuerst CMS, jetzt Webshopsoftware.
Vor knapp 30 Jahren begann es mit Micrsoft am PC, dann Netzwerk.
Novell, OS/2 usw. kamen dazu, Quelloffene Software war damals eher die Ausnahme – wenn überhaupt vorhanden.
1996 wurde in Europa ein Versuch gemacht auf vorkonfigurierten PCs anstatt MS OS/2 einzusetzen.
Scheiterte kläglich weil die Verantwortlichen nicht wussten was sie taten.
Dann begann ich mit OpenSource zu beschäftigen weil ich auch wissen wollte was da so „unter der Haube“ ist.
Und heute arbeite ich fast ausschliesslich damit (MS-SW nur mehr sporadisch und wenn s unbedingt sein muss).
Die Abhängigkeit – und mittlerweile schon „Hörigkeit“ der Verantwortliche zu und mit MS ist nicht nur peinlich, es stellt sich fast schon die Frage ob nicht „strafwürdig“.
Denn was hier mit unserem Steuergeld planlos „finanziert“ wird, wäre mit einer „langfristigen Strategie“ viel besser aufgehoben.
Aber das Problem ist, wie immer wenn Politiker mit etwas beschäftigt sind, maximale „Denkdauer“: nächste Wahl.
Traurig wie hier mit Resourcen, Wissen Geld und der Bildung der Jugend umgegangen wird.

Deswegen unterstütze ich diese Initiative zu 100%

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