epicenter.works fordert mehr Geld für freie E-Learning Lösung

Veröffentlicht von Rene Schwarzinger am

epicenter.works ist aus dem Arbeitskreis Vorratsdaten Österreich (AKVorrat) hervorgegangen, welcher seit 2010 in Österreich aktiv ist. 2014 hat der AKVorrat nach jahrelangem Widerstand die Abschaffung der Vorratsdatenspeicherung erwirkt. Die Klage vor den Höchstgerichten in Europa (EuGH) und Österreich (VfGH) hat zur Aufhebung dieser Form von anlassloser Massenüberwachung geführt.

Seitdem tritt die Organisation mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln gegen überbordende Überwachung und für das Grundrecht auf Privatsphäre ein. (https://epicenter.works/vision)

https://epicenter.works/content/herr-fassmann-wo-bleibt-das-geld-fuer-e-learning

Das Henne-Ei-Problem wird in folgender Passage perfekt auf den Punkt gebracht:

Das ist ein Teufelskreis: Kein Geld für unabhängige Plattformen, deshalb wechseln viele auf MS Teams oder Google Classroom und damit besteht für die Politik offenbar keine Notwendigkeit mehr, unabhängige Plattformen zu fördern.

Digitale Strategie?

Aus Sicht des Bildungsministeriums wird natürlich argumentiert, dass derzeit so viele finanzielle Mittel wie noch nie zuvor für die Digitalisierung aufgewendet werden.

Doch die Frage müsste lauten: Sind diese Aufwendungen auch treffsicher?

Generallizenzen mit US-Konzernen

Das BMBWF verhandelt mit großen Software-Konzernen wie Microsoft Rahmenvereinbarungen zu sehr günstigen Konditionen [wobei wir noch immer von einigen Mio. EUR sprechen].
Das ist grundsätzlich vorbildlich – mit einem großen ABER:

Durch die „Schenkung“ dieser Lizenzen an die Bundesschulen (Pflichtschulen sind davon ausgenommen) fehlt an den Schulstandorten die Kostenwahrheit zu den eingesetzten Ressourcen mit der Folge, dass ein Wechsel zu anderen Systemen nahezu verunmöglicht wird. Es fehlen schlichtweg die Anreize.

Auf Anfrage im BMBWF heißt es, dass dieses System nur dann geändert werden könne, wenn mehr Schulen alternative Lösungen nachfragen.

Aber wie sollen Schulen auf alternative Lösungen umsteigen, wenn diese nicht gefördert bzw. beworben werden (im Gegensatz zu MS & Co.) und somit nicht in einem fairen Wettbewerb eintreten können?

Laptops/Tablets für 10-jährige Kinder

Ca. 50 Mio. EUR pro Jahrgang sollen für die Ausstattung mit Geräten in der 5. Schulstufe investiert werden.

Auch diese Anstrengung ist auf den ersten Blick positiv zu bewerten, da unter BM Faßmann ein Digitalisierungsschub bemerkbar ist.
Doch auch hier müssen folgende kritische Anmerkungen erlaubt sein:

Technik darf immer nur ein Hilfsmittel und kein Selbstzweck sein!

Geräte alleine machen noch keinen guten Unterricht. Es braucht PädagogInnen, die diese Hilfsmittel auch zu nutzen wissen UND es braucht SchülerInnen, die mit den Geräten auch entsprechend umgehen können.

Beide angesprochene Punkte sind derzeit (noch) nicht erfüllt, weil:

  • es keinen Informatik Unterricht in der Unterstufe gibt, in dem die Kinder von einer oberflächlichen Geräte-Nutzung hin zu einem tiefgreifenden Technik-Verständnis gebildet werden [trotz aller Beteuerungen, dass Informatik/IT im 21. Jhdt. die 4. Kulturtechnik darstellt]
  • viele digitale Unterrichtsmittel noch immer nicht über die PDF-Version eines Buches hinausgekommen sind UND in vielen Unterrichtsfächern einfach auch die Interaktion zwischen Lehrkraft und SchülerIn im Vordergrund zu stehen hat [ohne Technik]
  • Falls es sich bei den Geräten um Laptops handelt, wäre es auch sinnvoll, dass die Kinder das 10-Fingersystem schon beherrschen. Dies ist ein längerer Prozess und verhindert einen sinnvollen Einsatz im Unterricht, weil man sich sonst auf reine „Klickaufgaben“ beschränken muss.

Ein vielleicht sinnvollerer Ansatz, Digitalisierung im Bildungswesen voranzutreiben besteht darin, in der Unterstufe zuerst mit einem verpflichtenden Informatik/IT-Unterricht zu starten, um dann in einem zweiten Schritt in der Oberstufe voll-digital ohne klassische Schulbücher aufsetzen zu können.

Dies würde gleichzeitig auch hier das Henne-Ei-Problem lösen, dass zukünftige Erwachsene schon in der Schulzeit ein hohes Maß an Medienkompetenz (digital literacy) erlangen.

Eine kleine Anmerkung am Rande: in Österreich werden Kinder oft schon in der Volksschule mit komplexen Smartphones beglückt. Dass es sich hierbei um Geräte mit unglaublichen Möglichkeiten handelt, die erst erlernt werden müssen, wird oft ausgeblendet. Dies ist wohl mit ein Grund warum führende IT-Größen im In- und Ausland (Steve Jobs, Bill Gates, …) ihren Kindern oft erst mit 14 Jahren ein Smartphone zur Verfügung stellten/stellen.

Infrastruktur

Aktuelle Probleme im Distance Learning zeigen, dass auf Grund fehlender Bandbreiten zu Hause ein sinnvolles Lernen oft nicht möglich ist.

https://futurezone.at/digital-life/homeschooling-viele-probleme-beim-digitalen-lernen/401103072

Bei der letzten Infrastrukturerhebung des BMBWF war die durchschnittliche Anbindung von Österreichs Schulen mit ca. 30 MBit/s zu beziffern.

Seit kurzem unternimmt das BMBWF große Anstrengungen, um die Schulen an leistungsstarke Glasfasernetze anzubinden und stabiles WLAN in den Klassenzimmern zu etablieren.

Bleibt zu hoffen, dass sich die Schulen die oft extrem teuren Glasfaser-Tarife leisten werden können und der Breitbandausbau außerhalb der Großstädte wie Wien ebenfalls zügig voranschreitet.

Daniela Pühringer, Mutter einer zwölfjährigen Tochter, lebt etwa in einer kleinen Gemeinde im Mühlviertel, 35 Kilometer von der oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz entfernt. Dort beträgt die beste Internet-Verbindung, die sie kriegen kann, heiße 3 Mbit/s im Download. „Meine Nachbarn und ich sind verzweifelt, denn wir versuchen seit Jahren erfolglos, Glasfaser oder eine bessere Mobilfunk-Anbindung zu bekommen“,

https://futurezone.at/digital-life/homeschooling-viele-probleme-beim-digitalen-lernen/401103072

IT-Management an den Schulen

Die Technologisierung der Schulen führt zu einem immer größeren Betreuungsaufwand der Geräte und handelnden Personen.

Obwohl oft hunderte Geräte gewartet werden müssen und bis zu 1000 Lehrende und Lernende zu betreuen sind, gibt es keinen Vollzeit angestellten IT-Betreuer an den Schulen, der jederzeit als Ansprechpartner verfügbar ist.

Die IT-Betreuung wird vielerorts von engagierten Lehrkräften übernommen, die mittlerweile an die Grenze der Belastbarkeit stoßen und oft ein Vielfaches wie vorgesehen leisten, um den Schulbetrieb aufrechtzuerhalten.

Die Unterstützung durch so genannte IT-Assistenten, die zugleich mehreren Schulen Support bieten sollen, funktioniert oft mehr schlecht als recht.

Mögliche Verbesserungen

Entgegen vieler Ankündigungen ist der große Digitalisierungsschub an den Schulen noch nicht angekommen.

Der wesentlichste Faktor in der Bildung ist und bleibt die Lehrkraft! Eine fachlich qualifizierte, pädagogisch engagierte Lehrkraft wird mit Stift und Zettel mehr bewirken als ein durchschnittlicher Pädagoge, dessen Kinder einen Laptop nutzen könnten (der Lehrer bekommt übrigens vom Staat kein Gerät zur Verfügung gestellt).

Die Betonung liegt auf „könnten“, denn es wurden weder die PädagogInnen in ihrer Schulzeit oder Ausbildung hinsichtlich Technologie-Nutzung besonders geschult und dieser Fehler wird wiederholt, indem den Kindern heute noch immer ein Informatik/IT-Unterricht vorenthalten wird. Die Kinder von heute sind die LehrerInnen von morgen!

Die Einführung eines Pflichtfachs Informatik/IT in der Sekundarstufe 1, eine Weiterentwicklung der Schulbuchverlage hin zu Content, der tatsächlich Mehrwert bietet, sowie massive Anstrengungen in die Weiterbildung der Lehrkräfte würden aller Voraussicht mehr an tatsächlicher Digitalisierung bewirken als das bloße Zurverfügungstellen von Laptops/Tablets für Österreichs 10-14-jährige.

Würden Studenten und Studentinnen an den Pädagogischen Hochschulen lernen, wie man z.B. digitalen Content für Schulen erstellt, wäre das eine Win-Win Situation. Einerseits lernen sie den Umgang mit digitalen Medien und Fragestellungen/Probleme digital für Schülerinnen und Schüler aufzubereiten, andererseits könnten die Schulen davon massiv profitieren, weil diese den erstellten Content frei nützen könnten. Damit könnte ein riesiger Pool von frei zur Verfügung gestellten digitalen Lernmaterialien entstehen. Die künftigen Lehrerinnen und Lehrer sind dann auch in der Schule digitial entsprechend fit.

Zusatzangebote wie der aktuelle MOOC zu Distance Learning sind da leider nur bedingt hilfreich.

Um Bildung unabhängig von Konzern Interessen zu verstehen, ist es auch dringend erforderlich, mehr Geld in freie Open Source Lösungen zu investieren!
Dies fördert die digitale Souveränität und schafft Innovation und Wertschöpfung in Österreich!

Die (digitale) Zukunft unserer Kinder muss oberste Priorität haben und nicht die Gewinnmaximierung gewisser Software-Konzerne aus Amerika.

Bildung ist Open Source ist Bildung


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